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F Roads zweiter Teil

Vielen Dank fürs Warten. 🙂
Zuallererst möchte ich gerne eine Anmerkung zu der Straße 35 hinterherschicken, über die ich im ersten Teil geschrieben habe. Ich bin sie vor zwei Wochen gefahren, und ich plädiere eindeutig für das große F vor der Nummer! Die Tatsache, daß die Furten überbrückt sind, machen aus dem Löwen keine Schmusekatze.
Im Ernst, während der nördliche Teil (bis Hveravellir) in Ordnung ist, wartet die südliche Hälfte mit allen Tücken auf, die das Hochland zu bieten hat. Ausgenommen steile Passagen vielleicht, so wie in den Westfjorden.
Bezeichnenderweise haben sie die Straßenschilder nie geändert. Da steht nach wie vor: F 35.
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Wer den Trip unterteilen möchte, kommt in der Hochlandoase Hveravellir unter. Bei Tripadvisor findet man so einiges über diese Herberge mit Hottub und Restauration und Campingplatz. Ich war auch dort und möchte einmal etwas klarstellen. Bitte haltet Euch immer Folgendes vor Augen: die Leute, die das bewirtschaften, haben eine Saison von drei, vier Monaten, der Rest ist Beiwerk und Glückssache. Ansonsten liegt das Gelände brach und kostet nur Geld an Reparaturen und Unterhalt. Alles, aber auch alles an Ausrüstung, von der Salamischeibe, über die Bettwäsche über Diesel bis hin zu Druckerpatronen muss über Stunden durch unwegsames Gelände herbeigeschafft werden, und auch wieder entsorgt werden…hier kommt nämlich keine Müllabfuhr.
Und deswegen finde ich es unfair, dann zu jammern, daß eine Übernachtung mit Frühstück 70€ kostet. Die Unterkunft ist extrem rustikal, das gebe ich zu, und die Privatsphäre bleibt größtenteils auch auf der Strecke (wenn man nicht eines der noch teureren Doppelzimmer bucht).
Aber diese Menschen arbeiten für uns in einer der unwirklichsten und häufig ungemütlichsten Gegenden der Welt, also zeigt bitte etwas Respekt! Zumal das Personal sehr freundlich ist.
Wer die Tour in einem durchfahren möchte, kann das selbstverständlich auch tun, aber den Hottub von Hveravellir sollte man nicht verpassen. Für ISK 400 darf man auch als Durchreisender rein. Hinter der Hütte ist ein schön angelegter Weg auf Stegen durch das brodelnde Geothermie Feld. Direkt von dort wird der (weitgehend naturbelassene) Hottub gespeist.

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In südlicher Richtung kommt nach kurzer Zeit der Abzweig F 735 in Richtung des Langjökull Gletschers. Die ersten vier Kilometer sind unproblematisch und führen zur Basisstation der Mountaineers of Iceland, die beeindruckende Exkursionsfahrzeuge haben.

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Hinter dem Parkplatz führt ein ziemlich heftiger Track hinunter zum Gletscher. Mit den LKW kann man dorthin eine Tour machen, es sind weniger als zehn Kilometer, und auf dem Gletscher spielen. Auch Quad Touren sind möglich. Oder man ist ganz blöd, und versucht es mit einem alten Tercel 🙂

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Weiter als bis da bin ich allerdings nicht gekommen. (Kurzer Einschub warum das überhaupt ging für die Technikinteressierten: erstens nur mit der kleinen Geländeuntersetzung, die er erstaunlicherweise trotz seines Alters hat, aber noch viel wichtiger: wegen seines Gewichts. Das Auto wiegt gerade einmal 800 kg und tanzt regelrecht über die großen Felsen. Zwei Toyota Landcruiser, die mit mir gefahren sind, mussten bei der Hälfte aufgeben. Aber nicht weil sie weniger geländegängig wären, sondern allein das Gewicht hat hier den Unterschied gemacht).

Soviel also zur F 35, der legendären Kjölur Route von Nord nach Süd.

Im ersten Teil über die F Roads ging es unter Anderem über Wasserdurchfahrten. Auf den Straßen im Hochland ist es normal, daß diese Art von Hindernis plötzlich vor einem auftaucht. Unterscheiden muss man hier drei Kategorien: die großen Furten sind als Erstes zu nennen. Diese sind immer da, haben eigene Namen, und sind auf den Straßenkarten mit einem „V“ gekennzeichnet. Wie groß, tief oder anspruchsvoll eine Furt ist, wird nicht angezeigt. Es gibt legendäre und berüchtigte wie þórsmörk oder Lindáa.
Wer jetzt nicht gerade einen Superjeep mit 44 Zoll Rädern hat, sollte vernünftigerweise immer folgende Routine anwenden:
An die Furt heranfahren, und seitlich parken, ohne nachfolgenden Verkehr zu behindern (Stichwort Superjeep). Hinuntergehen zur Durchfahrt und das Ganze auf sich wirken lassen. Bauchgefühl und erster Eindruck sind immer wichtig. Denn es geht nur um zwei Dinge: komme ich mit meinem Auto durch, und welches ist die beste Route durch den Fluss?
Meine Erfahrung hat gezeigt, daß in über 80% der Fälle die erste Idee im Nachhinein die richtige war. Bei den anderen 20% habe ich andere Autos beobachtet, die eben diese Route gefahren sind, die ich ins Auge gefasst hatte, und dabei in Schwierigkeiten kamen. Das gibt es natürlich auch mal.

Die meisten Schwierigkeiten sind übrigens hausgemacht: Anfänger fahren häufig zu schnell ins Wasser ein, produzieren eine Bugwelle und überfluten das Fahrzeug. Saugt der Motor einmal Wasser an, war es das dann meistens. Das sollte also tunlichst vermieden werden. Kurzer Einschub für Techniklaien: diese tollen Schnorchel, die manche Fahrzeuge haben, sind lediglich wassergeschützte Luftansaugstutzen für den Motor. Mit den Abgasen bzw Auspuff, wie viele denken, hat das nichts zu tun. Der darf ruhig unter Wasser, solange der Motor läuft und nicht ausgeht.
Das ist auch schon der zweite häufige Fehler: Schaltvorgänge im Wasser mit den damit verbundenen Gefahren. Es muss unbedingt vermieden werden, den Motor abzuwürgen. Ein Motor, der im Wasser ausgeht, wird allzuleicht ein Opfer von Schäden. Die Regel ist, niedriger Gang, am besten der Erste. Bei sandigem Untergrund eventuell mit niedriger Untersetzung. Nächster Fehler: den Überblick verlieren. So komisch es auch klingen mag. So manch einer (ich schließe mich da nicht aus) hat in einer breiten Überfahrt, die eventuell auch Inseln oder Kiesbänke in der Mitte hat, den Überblick und die Ausfahrt aus den Augen verloren. Also immer den Blick auf die Ausfahrt richten!
Aber zurück zur Routine: häufig kann man bereits eingefahrene Ein und Ausfahrten erkennen. Diese können, müssen aber nicht die ideale Strecke darstellen. Flüsse ändern sich häufig, führen beispielsweise morgens tendenziell weniger Wasser als abends. Nachdem Ihr Euch einen generellen Eindruck gemacht habt, geht es darum, festzustellen, wie tief die Furt wohl ist. Das kann man bis zu einem gewissen Grad vom Ufer aus erkennen. Grundsätzlich gilt außerdem, wo das Wasser munter über Steine rauscht, wird es flacher sein, als dort, wo es langsamer fließt. Viele Furten haben an der Seite flussabwärts eine Art Kante mit einem Mini Wasserfall von wenigen Zentimetern. In vielen Fällen ist es ratsam, mit der Wagenseite, die flussabwärts zeigt, dicht am Rand dieser Kante zu fahren.
Hilfreich zum Feststellen sind außerdem Stöcke zum reinpieksen oder Wathosen. Durchwaten ist natürlich eine sichere, aber zeitraubende Methode, die vor allem dann in Betracht gezogen werden sollte, wenn die einfachste und sicherste aller Regeln nicht angewandt werden kann: von anderen helfen lassen!
Denn: generell sollte man Flüsse oder Furten nicht alleine durchqueren. Das Auto mit der größten Bodenfreiheit sollte zuerst durchfahren. Dabei zuerst prägnante Karosserieteile wie Radnabe, Stoßstange oder Türgriffe (für die ganz Harten) einprägen und mit dem eigenen Wagen vergleichen. Bei der Durchfahrt des Referenzwagens könnt Ihr dann genau beobachten, welche Teile unter Wasser sind, und wie hoch der Wasserstand dementsprechend an Eurem eigenen Fahrzeug wäre.
Dann auch auf die Spur achten, die die anderen Fahrzeuge nehmen. Und danach die Beste auswählen. Meistens führt die Spur in einem Bogen flussabwärts, und kurz vor der Ausfahrt in einer kurzen Kurve ein kleines Stück flussaufwärts.
Aber das ist nur eine Erfahrung, und die ist auf keinen Fall allgemeingültig.

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Übrigens hat Árni alle Furten geschafft, hin und zurück und sogar mehr als ursprünglich geplant. Wie es der Zufall wollte, wurde er ausgestattet mit mehreren GoPros und wird jetzt als Statist in einer Island Doku DVD erscheinen. Wir haben an diesen Tagen an die 30 verschiedene Flussdurchfahrten gefilmt.

Anfangs habe ich ja von den verschiedenen Kategorien der Furten geschrieben. Neben den oben erwähnten, großen gibts es noch die zahlreichen, namenlosen Furten, die auf keiner Karte eingezeichnet sind. Aber generell gilt: wer eine F Road nimmt, muss mit Waaserdurchfahrten rechnen. F Roads, die nahe an Bergen vorbei führen, oder durch Täler oder Schluchten, sind geradezu prädestiniert für Wasserschlachten. Die F 899 beispielsweise, die westlich von der Skálfandi Bay nach Norden führt, ist nicht besonders lang, aber auf 25 km kam ich dort auf 30 Flussdurchfahrten. Links und rechts der Straße erheben sich die Berge fast durchgehend auf über 1000 Meter, und Schmelzflüsse gibts da natürlich alle 100 Meter. Also kann man sich vorher bei einem Blick auf die Karte schon gut darauf einstellen, was einen wohl erwartet.
Diese, kleinere Kategorie der Furten ist wechselhafter, meist kleiner und dafür weit häufiger als die erste Kategorie.

Als Drittes kommt eine interessante Art der Wasserdurchfahrten. Die Sonstigen. Und da kann so manche Überraschung kommen. Da gibt es Seen, die über Nacht entstehen, Wasserlöcher, oder komplette Straßen, die denken, sie wären ein Fluß. Wie diese hier:

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Bei so etwas bitte die Zeit nehmen und aussteigen. Die Begebenheit erkunden, den besten Weg checken, Machbarkeit prüfen, und dann erst los.

Das waren jetzt mal ein paar Sachen zum Thema Hochland, und wie komme ich auf der anderen Seite wieder raus?

Zum Schluß noch ein goldener Tipp zum besser Schlafen: wenn Ihr durch einen Fluß fahren wollt, und es könnte kritisch werden, befestigt ein Abschleppseil vorne an Eurem Fahrzeug, damit man Euch rausziehen kann, und zwar VOR der Durchfahrt. Es ist nämlich sehr unangenehm, in einem fließenden Gewässer unter Wasser eine Abschleppöse zu suchen!

In diesem Sinne gute Fahrt!