Hat der mich jetzt ignoriert, oder was?

Gestern Abend war alles noch in Ordnung gewesen.
Die Stimmung war bestens und wir hatten ja auch alle möglichen Gesprächsthemen gefunden. Bis spätabends haben wir in der Kneipe am Hafen gesessen, Bier getrunken und unsere neue Freundschaft begossen.

Was passiert ist?

Heute vormittag stand ich also in unserem Supermarkt an der Kasse und stapelte meine Einkäufe aufs Band, da drängelt sich mein Herr Zechkollege von gestern Abend an mir vorbei zum Ausgang. Nix. Kein Blickkontakt, kein Gruß, nichtmal ein Nicken mit dem Kopf. Hallo, gehts noch? Gestern hör ich mir noch seine halbe Lebensgeschichte an, und jetzt kennt er mich nicht mehr? Oder wie jetzt?

So oder so ähnlich könnte sich eine beliebige Geschichte in Island zugetragen haben. Die, zugegeben, erfundene Schilderung beschreibt aber eine interessante Eigenart der Isländer, die keinesfalls missverstanden werden sollte.
Zunächst erstmal: der Herr Saufkumpan und neue Freund ist weder sauer noch brüskiert oder sonst irgendetwas. Auch leidet er nicht unter Amnesie oder dergleichen. Er praktiziert Selbstschutz.

Stellt Euch einmal bitte vor, Ihr lebt in einem Land, wo theoretisch jeder mit jedem verwandt ist, und in einer Kleinstadt, wo das nicht nur theoretisch so ist. Und wer unter Umständen dann einmal doch nur weit entfernt verwandt sein sollte, ist dann schon wieder entweder angeheiratet oder Arbeitskollege.

Will heißen, im Grunde genommen kennt jeder jeden. Jetzt gibt es die Möglichkeit, den Einkauf so zu gestalten:
Verlassen des Hauses (Abschied Kinder, Ehepartner), einsteigen ins Auto, winken (Nachbar), Dorfstraße zum Supermarkt fahren (300 Meter): ehemaliger Lieblingslehrerin winken, Chef freundlich anhupen, Schwiegermutter am Zebrastreifen rüberlassen, am Supermarkt parken (neben dem Auto der eigenen Schwester). Am Supermarkteingang den Wohltätigkeitsdamen mit dem Selbstgestricktem (beste Freundin der Schwiegermutter und deren Schwestern) eine Absage erteilen, über den Jungen stolpern, der in der Obstabteilung Kisten stapelt (eigener Sohn). An der Frischetheke (Aushilfe, mittlere Tochter des Bürokollegen) vorbeischauen, und ab zur Kasse. Nicht die Linke, da steht der untalentierte Nachbarssohn, lieber die andere, mit der hatte unser Protagonist vielleicht einmal eine Affaire, ein Flirt kann also nicht schaden. An der anderen Kasse stand noch der Typ von gestern Abend, lustig war das, vielleicht sollten sie direkt hier weiterquatschen…

So könnte ein ganz normaler Einkauf ablaufen. Jeden begrüßen, mit jedem reden, bei jedem, den man kennt stehenbleiben?
In Island ist das, Ihr merkt es schon, nicht möglich. Deshalb gilt die Regel: ganz oder gar nicht.
Deshalb hat unser Isländer seinen neuen deutschen Freund an der Kasse nicht registriert. Reiner Selbstschutz. Ist nichts Persönliches.

Nachtrag: im Beispiel oben hatte ich es ja von einem durchzechten Abend. Vielleicht war das noch ein gutes Beispiel für eine andere, nicht gerade unangenehme Eigenart: Was in der Kneipe passierte, bleibt in der Kneipe. Es findet niemals seinen Weg woanders hin, erst recht nicht an den Arbeitsplatz. Auch wenn es Euch vielleicht unter den Nägeln brennt, behaltet bloß für Euch, was Ihr da gesehen oder gehört habt.

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